Das spärliche Licht der Glühbirne, die an einem einzelnen dünnen Kabel von der Decke herab hing, vermochte das große Kellergewölbe kaum auszuleuchten. Durch die geöffnete Tür drang ein kalter Windzug, der die provisorische Beleuchtung hin und her schaukeln ließ. Dabei warfen die spartanischen Holzregale unheimliche Schatten, welche Luke erschaudern ließen. Es nutzte nichts, Luke musste die letzten Stufen hinabsteigen, um nach der Kiste mit den Sachen seines Vaters suchen. Nacheinander pustete er dichte Staubschichten von den Pappkartons herunter, so dass deren Partikel munter im Schein des Glühbirnenlichtes tanzten. Bei der vierten Kiste wurde er schließlich fündig. „Papa“ stand in großen Druckbuchstaben darauf. Mit seinem Schlüssel riss der komplett in schwarz gekleidete Jugendliche das Klebeband ab, das sorgfältig den Karton umwickelt die Überbleibsel des Besitzes seines verstorben Vaters verschlossen hielt. Mit sicherem Blick griff Luke nach einem kleinen, schwarzen Kasten. Ein Aufnahmegerät. Er nahm einen letzten tiefen Atemzug, dann begann er zu sprechen.
Hallo. Mein Name ist Luke Daywalker. Heute ist der 31. Oktober, Halloween. Sollte ich den gegenwärtigen Tag nicht überleben, soll diese Aufnahme für die Nachwelt darüber berichten, was heute Nacht in der Bakerlane vorgefallen ist. Dies ist meine Geschichte:
Meine Mutter, eine energisch auftretende Frau in den Wechseljahren, ist bei ihrer besten Freundin zu einer Feier eingeladen. Das Haus gehört also schon seit einigen Stunden mir ganz allein. Endlich einmal.
Entspannt saß ich am frühen Abend vor meinem Computer und zockte. Wildes Sturmklingeln an unserer Haustüre riss mich aus meiner Konzentration. Schon wieder diese Kinder, ging es mir durch den Kopf, als ich die Treppen vom ersten Stock hinabstieg, um nach dem Rechten zu sehen. Sobald die Nacht eingekehrt und der sonnige Herbsttag einer gruseligen Dunkelheit gewichen waren, hatte sich die hiesige Jugend zum „Erbeuten“ von Süßigkeiten versammelt. Halloween eben.
Durch das milchige Glas der Eingangstür hindurch schimmerte der schemenhafte Umriss einer hochgewachsenen Gestalt. Merkwürdig, so groß kann doch eigentlich kein Kind sein, bemerkte ich verwundert. Dennoch öffnete ich die Tür, um meine Neugier zu befriedigen. Fiese Maskenkiller an Halloween treten schließlich nur in schlechten Filmen auf, oder?
Ein kalter Luftzug. Was war das? Nichts. Niemand. Mühsam versuchte ich, meinen nächtlichen Besucher in der Dunkelheit auszumachen, oder wenigstens überhaupt etwas anderes als schwarze Tristesse wahrnehmen zu können. Die Laterne, die sich vom Gehweg vor unserem Haus aus in die Höhe schlängelte, war seit einigen Tagen defekt. Ich trat einige Schritte auf die Veranda hinaus. Nichts war zu erkennen, außer den Lichtern in den Zimmern der anderen Häuser sowie der fade Schein einer flackernden Laterne, gut fünfzig Meter entfernt. Plötzlich vernahm ich im Busch neben mir ein Rascheln, sodass ich erschrocken zusammenzuckte. Doch es war nur Pluto, mein schwarzer Kater. Beruhigt atmete ich tief durch, sog die kalte Luft in mich ein.
Jemand wollte mir wohl einen Streich spielen. Aber wie konnte die Person so schnell wieder verschwinden, im Bruchteil einer Sekunde?
Achselzuckend kehrte ich in unser Haus zurück und schloss die Tür wieder. Vorsichtshalber drehte ich den Schlüssel zwei ganze Umdrehung um. Sicher ist sicher.
Mein lauter Schrei muss Tote geweckt haben, denn als ich mich umblickte, schaute ich genau in die fiese Fratze eines Monstrums. Ich hatte nicht gleich realisieren können, dass der Einbrecher eine aus Pappe hergestellte Gesichtsmaske einer bekannten Politikerin trug, die mich so erschreckte.
„Boah, hast du Pappnase mich aber erschreckt!“, war meine erste Reaktion. „Was willst du von mir und wieso hast du dich hier einfach so hereingeschlichen? Hast mich fast zu Tode erschreckt.“
„Tod. Ich bin ein böser Zombiekiller. Gekommen, um dich umzubringen“ leierte mein Gegenüber mit monotoner Stimme runter, „Dein Tod ist alternativlos!“
Alternativlos. Das Unwort des Jahres 2010, frisch im Januar Null-Elf gewählt. „Sag mal hackt‘s?“
Sein nächster Satz ließ mich erschaudern und das Blut in den Adern gefrieren: „Nein, alles i. O.. Luke, ich bin deine Mutter.“
Mir fehlten beinahe die Worte. Konsterniert stand ich völlig regungslos vor meinem Gesprächspartner, meine Augen schossen Blitze. Endlich, nach einigen weltumrundenden Sekunden erwiderte ich unverhohlen, mehr schreiend als sprechend:
„Bist du nicht! Niemals! Deine Mudda ist alternativlos!“
BAEM.
Mit einem lauten Knall explodierte der Kopf meines Widersachers und zahlreiche kleine Gehirnsplitter flogen umher, ein größeres Stück Glibbermasse prallte an meiner Brille ab. Nicht sehr viel Gehirn insgesamt, ehrlich gesagt. Da hatte wohl jemand nicht gerade viel Köpfchen. Vielleicht war es der transformierte Nachbar?
Der restliche Körper des Polit-Zombies sackte augenblicklich zu Boden. Ohne Kopf würde ich nie herausfinden können, wer oder was mein Besucher tatsächlich gewesen war.
Augenblicke später erweckte lautes und gleichmäßiges Poltern meine Aufmerksamkeit. Es schien von draußen zu kommen, also stieg ich über die Reste des toten Körpers und drehte kurzentschlossen wieder den Schlüssel im Schloss. Dieses Mal andersherum, sodass ich erneut auf der Veranda stand. Angestrengt kniff ich beide Augen zusammen und versuchte auszumachen, was das für ein schwarzes Etwas war, das sich zwar noch am anderen Ende der Bakerlane befand, sich aber mit rasanter Geschwindigkeit auf mich zubewegte. Auf seinem Weg in Richtung meines Hauses wurde es kurz vom Licht der flackernden Laterne erfasst. Zeit genug, um das Gebilde als einen Mob weiter Zombies mit Gruselface-Gedächtnis-Masken zu identifizieren. Genervt traf ich die einzig richtige Entscheidung: Verdammte Axt, die Dinger müssen gekillt werden. Aber wie? Hatte tatsächlich mein Mutter-Spruch den ersten Untoten gemetzelt, der jetzt so friedlich im Flur ausblutete?
Zeit, es herauszufinden. Schnellen Schrittes bewegte ich mich auf die Kellertür zu, riss diese in einer kraftvollen Bewegung auf und rannte die Treppe hinunter. Mein Ziel war das alte Aufnahmegerät meines Vaters. Rest in Peace, Papa.
Jetzt stehe ich hier, auf der Veranda unseres Hauses. Bewaffnet nur mit einem antiquierten Aufnahmegerät und meinem losen Mundwerk. Bereit für den finalen Kampf. Den letzten Showdown. Die Sprache ist meine Waffe, sie ist die Achillesverse des Untoten-Sturmtrupps. Der Zombiemob befindet sich nur noch wenige Meter vor mir. Mit lautem Kampfgeschrei sprinte ich los, ihnen entgegen. Meine Gegner reagieren nicht auf mein Gebärden. Wie bei einem Wehrmachtaufmarsch stolzieren sie unbeeindruckt im Gleichschritt weiter und erwidern meinen Kampfschrei mit ihrer, zugegebenermaßen äußerst griffigen, Parole“ „Alternativlos. Alternativlos. Alternativlos.“
Ich befinde mich mitten im Schlachtfeld, weiche gekonnt den schwerfälligen Schlägen der Zombies aus. Ich bin schneller als ihr, sage ich mir. Hoffe ich zumindest.
„Eure Mütter sitzen bei KiK unter der Kasse und machen ‚Piep‘“.
BAEM.
Mehrere Zombies um mich herum explodieren, diesmal nicht nur ihre Köpfe, sondern ganze Körper. Gedärme spritzen umher. Mit einem infernalischen Lachen verhöhne ich die Armee des Todes.
„Haha, ihr könnt mich alle mal. Ich mache euch fertig. Du da! Ja genau, du! Deine Mudda arbeitet auf ‘nem Fischkutter als Gestank.“
Wieder BAEM.
Die Reihen der Zombies lichten sich mit jedem weiteren Spruch. Mit meinem eloquenten, sprachgewaltigen Wesen kämpfe ich mich erfolgreich durch die unzähligen Heerscharen. Gleich ist es vorbei, bin ich mir sicher. Die Schlacht scheint gewonnen. Nur noch ein paar Sätze mehr.
„Deine Mutter ist… Fuck, mir sind die Sprüche ausgegangen. Nein, lass mich in Ruhe. Ich bin ja ganz friedlich. Wie wäre es mit einem Chuck-‘Fucking‘-Norris-Witz? Ich…“
Krrrhhh. Mit einem kurzen Rauschen verstummte die Aufnahme.
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von Constantin Sauff – diese Geschichte ist Teil der demnächst erscheinenden Anthologie “Unbalanciert austariert“
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